Acryl auf Leinwand, 160 x 120 cm
Medusa steht beispielhaft für die Auseinandersetzung Marlene Reuchers mit der griechischen Mythologie. Dort war Medusa eine Gorgone, also eine von drei furchterregend hässlichen Schwestern, deren Anblick jeden, der sie anschaute, zu Stein erstarren ließ. Sie war die einzige Gorgone, die sterblich war, und wurde durch eine List vom Heroen Perseus enthauptet. Der Sage nach war sie ursprünglich eine schöne Frau gewesen, die von der Göttin Athene in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Eberzähnen und heraushängender Zunge verwandelt wurde. In der Hoffnung, Perseus damit aus dem Weg zu räumen, forderte Polydektos, der König von Seriphos, Perseus auf, ihm den Kopf der Medusa zu bringen. Mit Hilfe der Göttin Athene, des Götterboten Hermes und der Nymphen gelang es Perseus, sie zu enthaupten. Ihren Kopf übergab er jedoch nicht Polydektos, sondern behielt ihn für sich. Perseus bestand weitere Abenteuer, bei denen ihm das Haupt der Medusa extrem nützlich war. Unter anderem hielt er ihn bei einer Streitigkeit dem Titanen Atlas entgegen, der daraufhin zu Stein erstarrte (der heutige Bezug zu diesem Mythos ist das Atlasgebirge in Marokko). „Atlas“ ist ebenfalls eine Skulptur des Künstlerehepaars Geiter, die im Park der Akademie gezeigt wird. Seit mindestens dem 7. Jahrhundert v. Chr. verarbeiten Künstler den Mythos Medusa bildnerisch, aber auch literarisch in höchst unterschiedlicher Form.
Auszüge aus der Laudatio von Roswitha Jungfleisch anlässlich der Ausstellung „Ansichten“ von Marlene Reucher in der Europäischen Akademie Otzenhausen im September 2010:
„Farben, leuchtend wie an einem Sommertag in der Provence, sind das primäre Mittel, mit dem Marlene Reucher ihre ausdrucksstarken Bilder gestaltet. Dabei stellt sie vor allem abstrakte bzw. abstrahierte Landschaften in Acryl auf Leinwand aus. Ein zweiter Arbeitsschwerpunkt sind die Werke der klassischen Literatur, an die sie ihre Arbeiten anlehnt. Sie verspürt weniger das Bedürfnis, uns über die Eigenart eines Lebewesens oder den Charakter einer Landschaft detailgenau zu erzählen. Mit ihren Bildern will sie uns nicht belehren, was und wie man etwas genauer zu sehen hat.
Vielmehr präsentiert sie uns ihre eigene Schöpfung. Sie vertraut auf die Inspiration durch die Motive selbst, durch Erinnerungen, Empfindungen. Unter ihren Händen entstehen die Motive neu, Landschaften, Tiere und Pflanzen, die ihnen bereits in der Natur begegnet sind. Bilder aus der Seele – oder wie Marlene Reucher es prosaischer sagte: „aus dem Bauch heraus". Dabei betont sie immer wieder, wie wichtig ihr dabei die Freiheit ist, ihre Sujets so darzustellen, wie sie sie sieht und empfindet, und zwar unabhängig von Trends und Moden.“
Marlene Reucher (*1933 in Völklingen, Deutschland) lebt und arbeitet in Saarbrücken. Sie kam erst spät zur Malerei, mit der sie sich seit 1982 intensiv befasst. In der Akademie hat sie 2003 („Malerei“) und 2010 („Ansichten“, gemeinsam mit Gabi Michel) ausgestellt. Die vielseitige Künstlerin malt in Acryl auf Leinwand, Seidenpapier, Papier, in Mischtechnik und Collagen. Auch Radierung, Styropordruck, Monotypie und Siebdruck gehören zu ihren künstlerischen Ausdrucksmitteln. Ihre abstrakten Werke sind zum Teil von literarischen Vorlagen inspiriert und setzen sich auch mit der griechischen Mythologie auseinander. Viele von ihnen zeichnen sich durch eine Farbigkeit aus, die sich ihrerseits an Impressionen der Künstlerin aus dem Lubéron in der französischen Provence anlehnt.