Lithografie, 92 x 72 cm
Plakativ und eingängig zeigt A. Paul Weber auf dieser Lithografie die Schrecken der Teilung Deutschlands von 1949 bis 1990 und gleichzeitig die neuerliche Spaltung Europas. Beide resultierten aus dem Zweiten Weltkrieg. Markantes Symbol für diese Teilung war „die Mauer“, an der sich die Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts unter Federführung der damaligen Sowjetunion und der von den USA dominierten NATO nicht nur rein symbolisch gegenüberstanden. Die Teilung Deutschlands in die ehemalige Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und Europas allgemein war ein Forschungsschwerpunkt des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts (SFI) an der Europäischen Akademie Otzenhausen. So befasste sich die Akademie „aus erster Hand“ mit dem Thema, zu dem sie zahlreiche internationale Konferenzen organisierte und Bücher veröffentlichte.

Die direkte Konfrontation zwischen amerikanischen und sowjetischen Truppen, die dieses Bild illustriert, hat es tatsächlich gegeben: Am 27. Oktober 1961 fuhren am Checkpoint Charlie auf der Friedrichstraße in Berlin jeweils 30 Kampfpanzer der amerikanischen und sowjetischen Armee direkt am Grenzstreifen gegeneinander auf. Die Katastrophe in der dicht besiedelten Stadt, womöglich gefolgt von einem Atomkrieg, konnte jedoch vermieden werden, denn beide Panzergruppen wurden am Folgetag wieder zurückbeordert. Für viele jüngere Menschen ist heute die Angst vor einem neuen Krieg, die dieses Bild heraufbeschwört, zum Glück im täglichen Leben kaum noch nachvollziehbar. Für die älteren war sie jedoch über Jahrzehnte hinweg sehr real, ebenso wie die strikte Trennung von Menschen auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“. Ihre Lebenswelten, die das Dasein in einer Demokratie bzw. im Sozialismus mit sich brachten, waren sehr unterschiedlich. Die langfristigen Folgen sind noch heute u.a. auch in der Europäischen Union spürbar, zum Beispiel in den nicht immer gleichen Lebensverhältnissen und manchmal unterschiedlichen politischen Prioritäten der „alten“ und „neuen“ Mitgliedsstaaten.

A. Paul Weber (Andreas Paul Weber, *1893 in Arnstadt, †1980 in Schretstaken, beides Deutschland) war ein deutscher Lithograf, Zeichner und Maler, der ein umfangreiches Werk zeitkritischer und satirischer Blätter hinterließ. Zu den Themen, die seine Illustrationen mit spitzer Feder aufspießten, zählten Nationalsozialismus, Politik, Umwelt und Medizin. Er engagierte sich für den Antifaschismus bereits gegen die Nationalsozialisten, wurde als Mitherausgeber der Zeitschrift „Widerstand“ im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel inhaftiert und saß später in Gefängnissen in Berlin und Nürnberg ein. Auch nach dem Krieg führte er sein antifaschistisches Engagement fort.

Das Bild des Widerständlers, der 1944/45 noch zur Wehrmacht eingezogen wurde, wird jedoch deutlich getrübt durch seinen offenen Antisemitismus. Zeichnungen und Illustrationen, von denen manche auch bereits aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus stammten, spielen mit plakativen völkischen Stereotypen. Seine antisemitischen Karikaturen wurden unter anderem auch in NS-Gazetten veröffentlicht. Leben und Werk des Trägers zahlreicher Ehrungen und Preise, der zudem auch eine Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein erhielt, erscheinen somit als ambivalent.