Entwurf Adolph Amberg, erste Umsetzung 1909
Porzellan, weiß, 33 x 34 x 8 cm
Der Mythos, der unserem Kontinent seinen Namen gab und auch manchmal vereinfachend für die Europäische Union verwendet wird, darf natürlich in der Kunstsammlung der Europäischen Akademie Otzenhausen nicht fehlen – zumal es sich um ein wichtiges Werk des Jugendstils mit einer kuriosen Geschichte handelt. Die Vorlage für diese Porzellanfigur entstand bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Sie wurde in der Folge mehrfach in unterschiedlicher Farbgebung umgesetzt.

Adolph Amberg (*1874 in Hanau, †1913 in Berlin, beides Deutschland) durchlief seine künstlerische Ausbildung in seiner Heimatstadt sowie Berlin und Paris. Der Bildhauer designte auch für die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) in Berlin, die ab 1908 auf Grundlage dieses Entwurfs Porzellanskulpturen anfertigte. Das ursprüngliche Modell dieser „Europa auf dem Stier“ hatte Amberg bereits 1904/05 entworfen. Sie war eines der zahlreichen Einzelstücke des „Hochzeitszugs“, einem Porzellan-Ensemble für die Hochzeit des preußischen Kronprinzen Friedrich-Wilhelm mit Cecilie von Mecklenburg-Schwerin.

Aus der Ausführung wurde allerdings zunächst nichts: Diese Arbeit erschien dem Auftraggeber zu freizügig. So kaufte erst 1908 die Königliche Porzellan-Manufaktur die Modelle an und fertigte zwischen 1908 und 1910 die erste Serie. Ihr Mut wurde belohnt, denn außerhalb Preußens dachte man anders: 1910 erhielt Amberg auf der Brüsseler Weltausstellung eine Goldmedaille für das verschmähte Werk, und auch heute gilt der Hochzeitszug als eine der Hauptarbeiten des Jugendstils.

Die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin wurde 1763 von Friedrich dem Großen gegründet und stellt auch heute noch an ihrem Gründungssitz in Berlin hochwertiges Porzellan nach überlieferten Verfahren in (fast ausschließlich) handgefertigter Arbeit her. Namhafte Persönlichkeiten zählen zu ihren Designern.

Vom Vasenbild aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. bis – wie hier – zu einer edlen Skulptur aus weißem Porzellan mit der typischen Formensprache des Jugendstils wurde das Motiv der Europa auf dem Stier häufig in der europäischen Kunst verwendet. Es geht auf die griechische Sagenwelt zurück, nach der sich der oberste Gott Zeus in die Königstochter Europa verliebte. Um sie für sich zu gewinnen, entführte er sie in Gestalt eines Stiers nach Kreta. Aufgrund einer Verheißung der Göttin Aphrodite wurde der Kontinent nach dieser Prinzessin benannt.