Öl auf Leinwand, 112 x 122 cm
"Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, welche heißt auf Hebräisch Golgatha." So berichtet der Evangelist Johannes in Kapitel 19, Vers 17 (Fassung: Luther-Bibel 1912).
"Er" ist Jesus Christus, der Messias, der nach christlichem Glauben dort gemeinsam mit zwei anderen Verurteilten gekreuzigt wurde. Die römischen Besatzer Judäas hatten für ihn die grausamste Hinrichtungsmethode ihrer Zeit vorgesehen. Denn der Mann, der als Gottes Sohn betrachtet wurde, das kommende Reich Gottes ankündigte und sich als König der Juden bezeichnete, forderte die politische und religiöse Macht der römischen - wörtlich - "vergöttlichten" Kaiser heraus. Gerade in ländlichen Provinzen fand das Christentum Zulauf und wurde zum wachsenden Problem für die römischen Behörden, die mit brutaler Härte darauf reagierten.
Die Kreuzigung Jesu in der Hinrichtungsstätte Golgatha, damals noch außerhalb der Stadt Jerusalem gelegen, hat zahllose Künstler inspiriert. Sie gehört zu den zentralen Mythen des christlichen Glaubens. Martin Rabes Gemälde reiht sich somit in eine lange Tradition ein. Erst auf den zweiten Blick erschließen sich dem Betrachter die drei Kreuze in seinem Gemälde, das seinem typischen Malstil entspricht: leuchtende Farben, die in manchmal wirbelnden, manchmal zerrissenen Formen hier nur mühsam gebändigt sind.
Den archäologisch nachgewiesenen, kahlen und grau-braunen Steinbruch Golgatha verwandelt Rabe in ein Meer kontrastierender Farben, in dem die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde einen wilden Reigen aufführen. Die Urgewalten der Natur toben finster und unaufhaltsam über die Kreuzigungsszene hinweg und verschlingen alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Auch hier setzt Rabe biblische Motive um, die er modern aufbereitet. Die Evangelisten berichten von Finsternis, die mit dem Tode Jesu eintrat, einem Erdbeben, bei dem sich die Felsen spalteten, und dass der Vorhang im jüdischen Tempel zerriss. Die Schlussfolgerung: "Als der (Anm.: römische) Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn." (Markus-Evangelium, Kapitel 15, Absatz 39).
Rasende Elemente kündeten in der Antike häufig von einem Gottesgericht und dem Ende der bestehenden Welt: Ebenso wie rabbinische und hellenisch-römische Quellen berichtet das Alte Testament von Finsternis beim Tode herausragender Persönlichkeiten. Im Alten Testament und in den apokalyptischen Erwartungen des Judentums gehört die Zerstörung des Tempels von Jerusalem zu den zentralen Ereignissen des Gottesgerichtes. In diesem Zusammenhang steht das Zerreißen des Vorhangs im Tempel, hinter dem das Allerheiligste bei Todesstrafe vor der Welt verborgen war, für einen unerhörten Vorgang mit unabsehbarer Tragweite.
Sein Studium führte Martin Rabe nach Stuttgart und Wien: Malerei, Plastination und Kunstgeschichte standen auf dem Stundenplan. Der vielseitige Martin Rabe beschäftigte sich ebenfalls mit Theater und Bühnenbildern, Literatur und Musik. Er gab Bücher heraus, darunter eine Kunstgeschichte Europas und die Reihe „Illustrierte Klassiker der Weltliteratur“.